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Wie die deutsche Indie-Musikbranche ihre eigene Freiheit verspielt.

14. September 2026

Wir erleben immer häufiger direkte Angriffe auf Kunst- und Meinungsfreiheit und Kürzungen unserer Kulturfördertöpfe, und trotzdem ist die deutsche Musikbranche gerade ziemlich leise. Klar, alle sind gegen rechts und finden die AfD doof, und das ist auch richtig so. Ernst wird es aber erst dort, wo es unbequem wird: wo man die Mächtigen direkt kritisieren müsste, auch die Institutionen, die über Förderungen entscheiden. Gerade jetzt, wo viele Angriffe auf das, was wir für selbstverständlich halten, aus der sogenannten politischen Mitte kommen. In einer Demokratie sollte es das Normalste der Welt sein, Institutionen ohne Angst vor Konsequenzen kritisieren zu können - denn genau das ist es, was eine freie Gesellschaft ausmacht.

So ließ etwa das BKM drei von einer unabhängigen Jury nominierte Buchhandlungen über das sogenannte Haber-Verfahren vom Verfassungsschutz überprüfen und strich sie von einer Preisliste. Dieses Verfahren erlaubt es dem Staat, Förderungen an eine geheime Anfrage beim Verfassungsschutz zu knüpfen, ohne dass die Betroffenen erfahren, was ihnen vorgeworfen wird oder sich wehren können. Kurz darauf ließ das Ministerium sogar die Mitglieder von Kulturförder-Jurys in Listen erfassen. Dasselbe Muster steckt in den Klauseln und Resolutionen, die Kulturförderung an politische Bekenntnisse binden sollen: gut gemeint (deren Ziele ich teile), aber so bewusst unpräzise, dass sie sich nutzen lassen um unbequeme, und aktuell vor allem Stimmen aus dem progressiven gesellschaftlichen Lager einzuschränken und womöglich mundtot zu machen. Mich betrifft das unmittelbar, ich sitze selbst in solchen Jurys, und es lässt sich genauso auf die Musikförderung anwenden wie auf einen Buchpreis.

Ich durfte im März dieses Jahres an einem Treffen mit dem Kulturstaatsminister zum Thema Streaming teilnehmen, eingeladen vom VUT, inmitten dieses Skandals. Neben der Sachfrage habe ich die wachsenden Angriffe auf die künstlerische und demokratische Freiheit angesprochen und wie wichtig öffentliche Förderung für Chancengleichheit ist. Wer mich kennt, weiß, dass mir diese Themen am Herzen liegen. Leider war ich der Einzige im Raum, der ein kritisches Wort an den Minister gerichtet hat. Das ganze Land sprach über den Skandal, im Raum wurde getan, als wäre nichts passiert.

Was mich zum Austritt bewog, war nicht das Treffen, sondern was danach kam. Aus den eigenen Reihen gab es, bis auf zwei Ausnahmen, statt Rückhalt oder Verständnis vor allem Kritik: falscher Zeitpunkt, falscher Ort, ich hätte Folgeeinladungen riskiert und vom eigentlichen Thema abgelenkt. Das entsprach nicht den Tatsachen, eher habe ich mit meinem Statement gezeigt, wie man über beides gleichzeitig reden kann. Und wenn man die seltene Chance hat, direkt mit der Person zu sprechen, die für das, was wir alle kritisieren, verantwortlich ist, gibt es meiner Meinung nach keinen richtigeren Zeitpunkt und keinen richtigeren Ort. Es wird keinen eigenen „Kritik-Gipfel“ geben, zu dem man später eingeladen wird. Die Rede vom “richtigen” oder “falschen” Zeitpunkt ist eine Ausrede, hinter der oft schlicht die Angst steckt, sich zu exponieren. Das kann ich zwar menschlich nachvollziehen, aber als politische Haltung nicht teilen.

Der Tenor jener, die mir mein Statement vorhielten, war: Wir sollten froh sein, überhaupt am Tisch zu sitzen. Von so einer Herangehensweise, von so viel vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Macht, möchte ich mich ausdrücklich distanzieren. Haltung gilt so als Risiko, während genau dieselben Leute, die das sagen, sich gern damit schmücken, „die mit Haltung“ zu sein. Ich will aber nicht Teil eines Verbands sein, der nett klingende Statements abgibt, dann aber jene kritisiert, die diese “Haltung” wirklich leben wollen. Versuche, über die Position des Verbands zu reden, schlugen fehl; ich hatte nicht das Gefühl, dass ein Interesse besteht, an dieser Praxis grundlegend etwas zu ändern.

Beim nächsten Treffen mit dem Kulturstaatsminister, zu dem nur noch die Verbände geladen waren, gab es vor allem unverbindliche Absichtserklärungen und schöne Fotos für ihn. Tags darauf wurde der Etatentwurf bekannt: Die Popförderung wird gekürzt, während die Bayreuther Festspiele eine Million Euro mehr erhalten. Auf meine Nachfrage, ob jemand mögliche Kürzungen oder gar die Angriffe auf die Meinungsfreiheit angesprochen habe, hörte ich, dass auch diesmal keine Kritik geäußert wurde. Es hieß wieder, das sei „nicht das Thema des Treffens“ gewesen, und man habe es vorher nicht wissen können. Für mich ist das schwer zu glauben.

Hier geht es nicht um ein abstraktes politisches Thema, sondern um Kürzungen und Dynamiken, die die eigene Branche direkt treffen. Trotzdem gab es kaum Empörung, Kritik nur hinterher oder hinter vorgehaltener Hand. Wenn wir uns nicht einmal dann trauen, den Mund aufzumachen, wenn es um unser eigenes Überleben geht, wann dann? Andere Sparten in der Kultur sind da deutlich lauter. Auch als die erwähnten Klauseln und Resolutionen zuletzt zur Debatte standen, kam aus der Musikszene kaum Widerspruch.

Das ist kein Problem nur des VUT, sondern symptomatisch für einen großen Teil der Branche, wie etwa Johann Scheerer in einem lesenswerten Beitrag im Freitag geschrieben hat: Man ist dankbar für den Platz am Tisch und vermeidet die unbequemen Fragen, aus Angst, eben diesen Platz zu verlieren. Gekürzt wird, wie wir sehen, ohnehin, vielleicht sogar genau deswegen - denn wer aus Sorge um seine Nähe zur Macht keine Kritik wagt, der wird nicht ernst genommen. Gleichzeitig ist man sich sicher, sowieso immer auf der richtigen Seite zu stehen, egal was man tut.

Mir wurde vom VUT deutlich gemacht, dass ich mit meiner Haltung allein stehe, und so musste ich einsehen, dass ich intern nichts mehr bewegen kann und dass der Weg, den der VUT bei dem Thema geht, nicht mit meinen Überzeugungen vereinbar ist. Ich weiß, wie wichtig kollektives Organisieren ist, aber nicht um den Preis meiner Werte. Bei meinem Austritt habe ich dem VUT all meine Gründe für meine Entscheidung und Sorgen über den Umgang der Politik mit der Indiemusikbranche mitgeteilt. Eine offizielle Antwort darauf gab es nicht. Deshalb gehe ich hiermit an die Öffentlichkeit, weil ich weiter die Hoffnung haben will, dass es irgendwann wieder einen starken und mutigen Branchenverband geben kann, in den ich wieder eintrete.

Denn die Frage, die uns alle angeht, sollte doch sein: Wollen wir eine Branche sein, die nur über Auszahlungsmodelle reden will, so wichtig das ist, und politische Fragen dahinter zurückstellt? Oder eine, die die Freiheiten verteidigt, die am Ende alle betreffen, auch sie selbst, gerade wenn es unbequem wird?

Unsere Freiheiten werden gerade angegriffen, aber noch haben wir sie. In anderen Ländern sterben Menschen im Kampf für freie Meinungsäußerung, Teile meiner eigenen Familie leben in einem Land, in dem es sie nicht gibt. Und wir hier? Lassen sie zu oft ungenutzt.

Es reicht also nicht, zu sagen, dass die AfD schlecht ist, die Gefahren sind subtiler und weitläufiger. Ich verstehe, dass sich nicht alle trauen, Mächtige direkt zu kritisieren. Autoritarismus hat in Deutschland lange Tradition. Freie Rede und freie Kritik können Konsequenzen haben, und diese Angst ist real, mir fällt es auch nicht leicht und es macht auch keinen Spaß. Umso wichtiger ist Solidarität mit denjenigen, die es trotzdem tun. Menschen davon abzuhalten, ihre Rechte zu nutzen, oder sie dafür zu kritisieren, ist das Gegenteil von demokratischem Handeln und ein wirklich schlechtes Zeichen für den Zustand der Gegenwart und unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Angriffe auf unsere Freiheiten, auf die Redefreiheit, auf die Meinungsfreiheit, auf die Freiheit der Kunst, werden nur weiter zunehmen. Wie wollen wir ihnen gegenüberstehen?

Zum Glück gibt es in diesem Land viele mutige Menschen. Wir sollten sie unterstützen, statt sie einzuschüchtern - erst recht nicht, wenn man sich eigentlich als Gleichgesinnte wähnt. Ich wünsche mir deshalb, dass wir als Branche einen echten Diskurs führen, bei dem am Ende mehr herauskommt als die üblichen Floskeln. Wir sind das all jenen schuldig, die schon jetzt von Zensur und Förderkürzungen betroffen sind, hierzulande und anderswo.

Anton Teichmann / Mansions and Millions
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How the German indie music industry risks giving up its own freedom.

14 September 2026

In Germany we are seeing continuous attacks on freedom of speech and freedom of the arts, as well as cuts to cultural funding, and yet, for some reason, the music industry in Germany stays pretty quiet.

Sure, everyone is against the far right, against the AfD, and that's good and important. But things only get serious when it means leaving the comfort zone: when you'd have to criticise those in power, including those who decide who receives funding and who doesn't. Especially now, when the things we took for granted are under assault from the so-called political centre. Being able to criticise those in power without fear of consequences should be the most normal thing in a democracy, it's what makes a free society.

The German cultural ministry recently had three bookshops that an independent jury had nominated for an award checked by the domestic intelligence service, and then removed them from the shortlist. The procedure they used allows the state to screen any recipient of public funding through the intelligence service, without those affected knowing what they are accused of or getting a chance to defend themselves. Shortly afterwards it became public that the ministry had also drawn up lists of the jury members of state-funded awards. The same pattern shows up in the clauses and resolutions meant to tie public funding to political declarations: the intention behind them may be noble, but they are deliberately worded so vaguely that they can almost certainly be used to silence uncomfortable, above all progressive voices. This affects me directly, I sit on such juries myself, and the same mechanism can just as easily be applied to music funding.

In March this year I had the honour of taking part in a round table with the Minister of State for Culture, invited by the VUT, right at the height of the scandal I just described. Beyond the set topic, I also raised the growing attacks on artistic and democratic freedom by this ministry, and pointed out how important public funding is to counter the growing inequalities in the arts. Those who know me are aware how close these issues are to my heart. Unfortunately, I was the only one in the room who raised any of them, the only one who said a single critical word. The whole country was talking about the scandal, but in that room it was as if nothing had happened.

What led me to leave the association wasn't that meeting, but what came after. Instead of understanding or support for my remarks, there was, with two exceptions, only criticism: that I'd chosen the wrong time and the wrong place, that I'd put future invitations at risk and strayed from the actual topic. That wasn't true, if anything I showed that you can talk about all these issues at once. And I believe that when you get the chance to speak to the people responsible for what we're all worried about, there is no better moment and no better place. There won't be some separate "now criticise me" round table later on. All of this seemed to me like a poor excuse that masks a simple fact: they're afraid to speak up. I can understand that on a human level, but I can't share it as a political stance.

The message from those who took issue with me speaking up was: we should be glad to have a seat at the table at all. This approach, this anticipatory obedience towards political power, is something I want to distance myself from explicitly. That way, taking a stance is treated as a risk, while the very people who told me this happily celebrate themselves for being "the ones who take a stand." But I don't want to be part of an association that likes to put out nice-sounding statements while criticising those who actually act on those beliefs. I tried to talk about this with the association, but those attempts failed, I didn't get the sense that there was any real interest in changing anything about it.

At the next meeting with the Minister of State for Culture, to which only the associations were invited, what followed were mostly vague declarations of intent and nice photo ops. The day after, cuts to pop music funding were announced, while the classical-music institution Bayreuth Festival was given a million euros more. I asked people who had been there whether, this time, anyone had voiced any criticism or concern about the anticipated cuts, let alone the attacks on freedom of speech, but again no such words had been said. Again they told me this "wasn't the topic of the meeting," and that the cuts had come as a surprise, something I find hard to believe.

This isn't about anything abstract, it's about real funding cuts and dynamics that hit the industry directly. And still there's little outcry, criticism is only voiced afterwards, or quietly. But if we can't even bring ourselves to speak up when it's about our own survival, when will we? Other parts of the cultural sector are far louder. When the resolutions I mentioned were last up for debate, there was barely any opposition from the music scene.

This isn't just a problem of the VUT, but symptomatic of a large part of the industry, as Johann Scheerer pointed out in an insightful piece in Der Freitag (in German): people are glad to have a seat at the table and avoid the uncomfortable questions, for fear of losing that seat. But the cuts are coming anyway, perhaps precisely because of that. I believe that those who won't dare to confront or criticise political power, out of concern for their closeness to it, end up not being taken seriously. At the same time, these same people are certain they're on the right side no matter what they do.

The VUT made it very clear to me that I stand alone with this position, and so I had to accept that there's nothing more I can change from within, and that the path the VUT is taking on this issue simply isn't compatible with my convictions. I know how important collective organising is, but not at the cost of my values. When I left, I laid out all my reasons and my concerns about how politics is dealing with the independent music scene. There was no official response, which is why I've decided to go public, because I want to hold on to the hope that one day there will be a strong and brave association to rejoin.

The question that concerns us all should be this: do we want to be an industry that only wants to talk about payout models, as important as those are, and pushes political questions into the background? Or one that joins the fight to defend the freedoms that affect everyone in the end, including ourselves, especially when things get uncomfortable?

Our freedoms are under attack right now, but we still have them. In other countries people die fighting for the right to free speech, parts of my own family live in a country where those freedoms don't exist. And here? We too often leave them unused.

That's why it's not enough to say "the AfD is bad", the dangers now are far more subtle and far-reaching. I understand that people don't find it easy to criticise those in power, authoritarianism has a long tradition in Germany, and free speech and open criticism can have real consequences. That fear is real, it isn't easy for me either, and it's no fun. But that makes it all the more important to stand in solidarity with those who do speak up. To hold people back from using their rights, or to criticise them for it, is the opposite of democratic practice, and a truly bad sign for the state of our present and of our life together as a society. Attacks on our freedoms, on free speech, on freedom of expression, on artistic freedom, will only grow. How do we want to face them?

Fortunately, there are still many brave people in this country. We should stand by their side instead of intimidating them, all the more so if you consider yourself an ally. That's why I really hope that we, as an industry, can start a real debate, one that in the end produces more than the usual empty phrases. We owe that to everyone already affected by censorship and funding cuts, in this country and beyond.

Anton Teichmann / Mansions and Millions
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